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01. Dezember 2010

Zwei Welten treffen aufeinander

von Heinrich Gutmann

Die Zusammenarbeit von Gehörlosen und Hörenden im Arbeitsalltag ist nicht immer ganz einfach. Nicht nur die mündliche Kommunikation ist deutlich eingeschränkt (von 51 Lauten der deutschen Sprache lassen sich nur 13 von den Lippen abschauen), sondern auch Gesten und Verhaltensweisen der anderen Gruppe führen manchmal zu Verwirrung.

Um diese Situation zu verbessern, treffen sich an einem Wochenende im November acht Gehörlose aus unterschiedlichen Firmen mit jeweils zwei bis drei ihrer Kollegen auf Schloss Flehingen zum Kollegenseminar. Neben zwei Dozenten stehen zwei Gebärdendolmetscherinnen und eine Gebärdensprachenlehrerin bereit, um die Hörenden in die Welt der Gehörlosen einzuführen.

Nach der Vorstellungsrunde ist uns klar, dass es deutliche Unterschiede der Gehörlosigkeit gibt. Teilnehmer, die nicht von Geburt an taub waren, konnten die Sprache noch richtig lernen und können sich deshalb heute besser verständigen als die Teilnehmer, die schon immer gehörlos sind. Außerdem gibt es Teilnehmer, die noch einen Rest an Gehör haben. Ihnen kann bereits mit einem Hörgerät die Kommunikation deutlich erleichtert werden.

Während unserer Arbeit am Computer stehen uns natürlich so schöne technische Hilfsmittel wie E-Mail oder Chat für unsere Kommunikation zur Verfügung. Für eine normale Unterhaltung (z.B. in der Mittagspause) ist es angenehmer, direkt mit unseren gehörlosen Kollegen sprechen zu können. Dafür bekommen wir Unterricht in DGS (Deutsche Gebärden Sprache). Bereits nach kurzer Zeit kann jeder Seminarteilnehmer das Gebärden-Alphabet. Dies ist wichtig, um Begriffe zu buchstabieren, deren Gebärde man nicht kennt oder für die es noch keine Gebärde gibt.

Das "R" aus meinem Namen

Wir bekommen auch Grundlagen der Grammatik vermittelt. Der Satzbau der deutschen Gebärdensprache unterscheidet sich deutlich von der deutschen Schriftsprache. Zuerst wird die Person gebärdet, die etwas tut, dann das Objekt, um das es geht, und erst anschließend die Handlung. Falls eine Zeitangabe benötigt wird (z.B. gestern oder morgen), wird diese an den Anfang des Satzes gestellt. Der Rest des Satzes bleibt in jeder Zeit genau gleich. Bei unseren Übungen stellen wir fest, dass man auch sehr lange deutsche Sätze mit vielen Füllwörtern auf wenige Gebärden reduzieren kann.

Nach anstrengenden Lehrstunden im Seminarraum sind die Tage noch lange nicht vorbei. Wir treffen uns an beiden Abenden alle im Schlosskeller zu den gemütlichen Stunden. In einem großen runden Raum mit einem großen runden Tisch sitzen wir in einer Entfernung von etwa 5 Metern von unserem Gegenüber entfernt und können prima den Witzen folgen, die auf der anderen Seite des Raumes gebärdet werden. Dabei spielt es auch keine Rolle, dass kreuz und quer und durcheinander gebärdet wird – man versteht sich. Würde das in Lautsprache erfolgen, müsste man sich auf diese Entfernung laut zurufen und das Durcheinander in diesem Gewölbe würde in lautem Radau enden.

Nach zwei sehr interessanten, lehrreichen Tagen können wir so am Sonntagnachmittag die Heimreise antreten und haben seither nicht nur mehr Verständnis füreinander, sondern können uns jetzt auch viel einfacher über die alltäglichen Dinge des Lebens unterhalten.

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1 Kommentare

Petra Velten
03. Dezember 2010 um 12:07

Sehr interessanter und guter Bericht. Bin mal auf die versprochenen Witze in DGS gespannt 🙂

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