Earthships – Autarke Recyclinghäuser aus Wohlstandsmüll

32 Millionen Tonnen – Das ist die Menge an Plastikmüll, die jährlich in unsere Umwelt gelangt. Tendenz steigend. Europaweiter Spitzenreiter ist Deutschland. Allein hierzulande entstehen rund 12 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle jährlich. Der amerikanische Architekt Michael Reynolds macht aus dieser Not eine Tugend. Mit seinen Earthships hat er eine Hausart entwickelt, die Wohlstandsmüll als Bausubstanz nutzt. Dabei sind die Recyclinghäuser vollständig autark.

Ein Haus, das sich selbst beheizt, Wasser liefert und überall gebaut werden kann. So lautet die Vision des amerikanischen Architekten Michael Reynolds, als er in den 1970er Jahren sein erstes Earthship in der Wüste New Mexicos errichtet. Wie alle Nachfolgemodelle auch besteht das erste Haus seiner Art nahezu ausschließlich aus Natur- und Recyclingmaterialien. Als Kern für die Wände beispielsweise dienen alte Autoreifen, die mit Lehm verputzt werden. Als Wasserfilter dient ein Pflanzenbeet im Hausinneren.

Von der Mehrheit der Fachpresse wird der Erfinder des Earthships zunächst als etwas schrulliger Idealist abgetan. Heute, 40 Jahre später, gibt es Erdschiffe auf der ganzen Welt. Über tausend Häuser von Schweden bis zur Karibik basieren auf dem Konzept, das auch als Upcycling Bezeichnung findet.

Upcycling beschreibt eine besondere Unterform des Recyclings. Dabei wird ein Stoff nicht nur wiederverwertet, sondern es kommt zu einer stofflichen Aufwertung. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Abfallprodukte wie abgenutzte Autoreifen als Baumaterial genutzt werden.

Ein Haus, das sich selbst versorgt

Ressourcenschonend ist dabei nicht nur der Bau des Hauses selbst. Auch der laufende Betrieb lässt sich vollkommen autark gestalten. Die Südfassade eines jeden Earthships besteht aus einer großen Glasfront. Diese sorgt nicht nur für ein helles Hausinnere, sondern dient auch zur solaren Wärmegewinnung. Dabei kommen die Ökohäuser vollkommen ohne klassisches Heizsystem aus. Kalte Nächte müssen Earthship-Bewohner dennoch nicht fürchten. Selbst bei Minusgraden sinkt die Innentemperatur selten unter 23 Grad.

Dafür sorgen auch die Wände, die wie ein großer thermischer Speicher wirken. Deren Kern besteht aus alten Autoreifen. Diese werden aufgeschichtet, mit Sand gefüllt und mit Lehm verputzt. Rohre innerhalb des Wandsystems sorgen im Inneren des Hauses für ausreichend Frischluft.

Das Interieur dominieren Naturbaustoffe: Lehm, Natursteine, Holz. Zu den wenigen anorganischen, nicht recycelten Elementen gehört die Photovoltaikanlage auf dem Dach. Earthships in sonnenarmen Regionen nutzen ein Mini-Windrad zur Stromerzeugung. Eine Batterie speichert den so gewonnenen Strom, so dass er auch dann zur Verfügung steht, wenn die Sonne nicht scheint.

Vom Regen- zum Brauchwasser

Auch bei der Wasserversorgung handelt es sich um ein in sich geschlossenes System. Ein Grund, warum Earthships nicht nur als Wohngebäude, sondern auch in Krisengebieten ohne saubere Trinkwasserversorgung eingesetzt werden. So sind Erdschiffe beispielsweise als Notunterkünfte nach Naturkatastrophen in Indien und Haiti zum Einsatz gekommen.

Alle Recyclinghäuser nach dem Vorbild Reynolds verfügen über ein Regenauffangbecken auf dem Dach. Das hier gesammelte Regen- oder Schmelzwasser gelangt zunächst in ein Blumenbeet im Hausinneren. Dieses erfüllt neben seinem dekorativen Charakter einen ganz pragmatischen Zweck: Mehrere Schichten aus Sand, Geröll und Steinen fungieren als natürlicher Filter. Das so gereinigte Wasser gelangt bis zu viermal in den Versorgungskreislauf. Dabei gibt es zwei separate Wasserkreisläufe für Trink- und Abwasser. Um Trinkwasser zu sparen, kommt für die Toilettenspülung nur bereits genutztes Wasser zum Einsatz. Zudem verfügt jedes Bad über zwei Wasserhähne: Einen für Trink- und einen für Brauchwasser.

Earthships in Deutschland

Wer ein Earthship kaufen möchte, dem bieten sich zwei Möglichkeiten. Unter dem Firmennamen Earthship Biotecture bietet der Vater der Erdschiffe Michael Reynolds seinen Dienst als Bauplaner an. 500.000 Dollar ist der Preis, mit dem Interessenten für eines seiner Recyclinghäuser rechnen müssen.
Eine andere Möglichkeit besteht in einem Selbstbau. Entsprechende Baupläne lassen sich auf der Website des Unternehmens anfordern.

Deutschlands erstes und bisher einziges Earthship in Tempelhof

(Foto: „earthship-exterior32“ von Jenny Parkins unter CC-BY-2.0)

Als Selbstbauprojekt ist auch das erste und bisher einzige Earthship in Deutschland entstanden. Dieses wurde 2016 in der baden-württembergischen Gemeinde Tempelhof fertiggestellt. Dabei handelt es sich um ein Gemeinschaftswerk des dort ansässigen Ökodorfs Schloss Tempelhof, eine genossenschaftlich organisierte Solidargemeinschaft mit etwa 150 Mitgliedern. Innerhalb nur eines Jahres entstand dort unter Eigenregie der Dorfbewohner das Earthship mit 150 Quadratmetern Wohnfläche, das heute Unterkunft für 25 Menschen bietet.

Aufgrund der strengen Bauauflagen hierzulande mussten die Erbauer jedoch einige Kompromisse eingehen. So erhielt das Projekt nur deshalb eine Genehmigung, da es auf eine autarke Wasserversorgung verzichtet.


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