Seref Diler

Deutsch-türkisch, türkisch-deutsch: Arbeiten in der Türkei

Ich habe mich schon so daran gewöhnt, dass meine Kollegen meinen Namen deutsch aussprechen, dass ich mich neulich sogar aus Versehen selbst so vorgestellt habe: Ohne das schön rollende R und in der eingedeutschten Klangmelodie. Als Deutscher mit türkischen Wurzeln bin ich in beiden Kulturen zu Hause. Das bereichert nicht nur den Alltag, es eröffnet auch im Job interessante Perspektiven.

Die Blaue Moschee, ein Wahrzeichen von Istanbul

Die Blaue Moschee, ein Wahrzeichen von Istanbul

Schöck ist seit September 2011 in der Türkei mit dem türkischen Partner Proaktif PYS tätig, es besteht reges Interesse an unseren Produkten und deren Nutzen. Wer mit internationalen Partnern arbeitet, der benötigt in allererster Linie Sprachkompetenz. Die Herausforderung liegt allerdings im interkulturellen Bereich. Auch wenn man, wie ich, von beiden Kulturen geprägt ist, das Fremde quasi auch das Eigene ist – es ist eine spannende Angelegenheit, in der Türkei zu arbeiten und lässt mich immer wieder auch mich selbst reflektieren.

Istanbul von oben, im Hintergrund sieht man die Atatürkbrücke

Istanbul von oben, im Hintergrund sieht man die Atatürkbrücke

Da ich Muttersprachler bin, erleichtert mir dies Vieles – speziell wenn es um feine technische Erklärungen oder administrative Hürden geht, kann ich Projekte gut lenken. Zudem verstehe ich viele kulturelle Zusammenhänge, die sicherlich unbewusst auch bei Verhandlungen eine wichtige Rolle spielen. Obwohl viele türkische Geschäftsleute westlich orientiert sind und Erfahrung mit europäischen Geschäftspartnern haben, schätzen sie es, wenn ich auf ihre kulturellen Bedürfnisse eingehe und sie verstehe. Oft handelt es sich dabei um Kleinigkeiten oder kleine Gesten, wie z. B. Respektbekundungen. Auch das Zuhören und historisches Wissen werden sehr geschätzt und bricht oft das Eis bei den ersten Projektgesprächen. Dabei lerne ich auch immer wieder Neues über die Geschichte der Türkei.

Türkischer Nachtisch: Baklava und Lokum – viel Süßes (Sprichwort auf Türkisch: Lasst uns Süßes essen, damit wir auch Süßes sprechen können…)

Türkischer Nachtisch: Baklava und Lokum – viel Süßes (Sprichwort auf Türkisch: Lasst uns Süßes essen, damit wir auch Süßes sprechen können…)

Andererseits bin ich auch sehr deutsch geprägt und bringe klassische Tugenden mit, die in der Türkei nicht unbedingt den gleichen Stellenwert haben. Vor allem was Pünktlichkeit und Terminvereinbarungen betrifft. Ich musste lernen, dass man es in der Türkei mit der Pünktlichkeit nicht so genau nimmt. Eine Stunde Verspätung, vor allem in Istanbul, ist nicht ungewöhnlich. Dies liegt sicherlich auch am Stadtverkehr von Istanbul: Ein und dieselbe Strecke einmal in 30 Minuten und einmal in zwei Stunden zurückzulegen – ich erfuhr am eigenen Leib, dass das Normalität ist. Es kam aber auch schon vor, dass ich Termine verkehrsbedingt komplett absagen musste.

Istanbul: Noch ist der Verkehr frei und man spricht vom "fließendem Verkehr"

Istanbul: Noch ist der Verkehr frei und man spricht vom „fließendem Verkehr“

Der deutsche Teil in mir geht gerne strukturiert und planend vor. Am liebsten würde ich Termine einige Wochen im Voraus planen. Dies ist allerdings nur bedingt möglich. Mittlerweile bin ich Meister der Improvisation. Termine vereinbare ich zwei bis drei Tage vorher und versuche dabei so viele wie möglich zu arrangieren – die Hälfte wird nämlich oft in letzter Minute abgesagt. Flexibilität ist Trumpf, spontane Anrufe werden sehr gewürdigt und es kommt oft vor, dass ich unerwartet empfangen werde. Emotionen spielen eine große Rolle, werden offen gezeigt und geteilt. Ein türkischer Kunde war beispielsweise von unseren Produkten so begeistert, dass er sofort seinen Architekt und Ingenieur zu sich ins Büro bestellt hat. Er wollte unbedingt, dass sie unsere Lösungen aus erster Hand kennenlernen. Die Türken sind sehr gastfreundlich, offen und neugierig, aber auch sehr entscheidungsfreudig. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass man die Türken nicht nur mit dem Verstand überzeugen muss, sondern auch emotional. Erst dann hat man eine Vertrauensbasis geschaffen, die langfristig anhält.

Türkisch essen in Istanbul: Fischgerichte sind der Klassiker

Türkisch essen in Istanbul: Fischgerichte sind der Klassiker

Wir haben gelernt, dass man sehr viel Geduld mitbringen muss. Man darf nicht beim ersten „Nein“ oder „geht nicht“ aufgeben. Es ist eine Wissenschaft für sich, immer wieder nachzuhaken, ohne aufdringlich zu sein und die richtigen Kontakte zu pflegen. Wir wissen, dass der türkische Markt eine langfristige Zukunftsinvestition ist, deshalb achten wir darauf, dass wir kurzfristige Erfolge nicht hochloben. Diese Bescheidenheit scheint eher eine deutsche Tugend zu sein, die aber sicherlich nicht schadet.


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