Kai Zehe

Sind Kleinigkeiten es wirklich wert, sich aufzuregen?

Kennen Sie das? Sie fahren morgens ins Geschäft und mal wieder ist einer vor Ihnen, der es mal gar nicht eilig hat an seinem Ziel anzukommen und sich freut, dass er die Landschaft in aller Ruhe genießen kann. Oder so ein Vogel nimmt Ihnen mal wieder gepflegt die Vorfahrt.

Früher habe ich mich da immer total reingesteigert und die wildesten Beschimpfungen kreiert. Ich war manchmal wirklich sehr stolz auf mich, was ich da alles erfinden konnte. Das war nicht immer ganz jugendfrei.

Leider muss manchmal immer erst etwas passieren, dass man merkt, dass es doch viel Schlimmeres gibt, als solche Dinge.

Vor 2 Jahren war meine Frau im 8. Monat schwanger. Der Kinderwagen stand schon seit Wochen in der Wohnung und das Kinderzimmer wurde gerade neu angeliefert. Wir waren also bestens vorbereitet.

Doch eines Abends bekommt meine Frau schlimme Bauchschmerzen und wir fahren sofort ins Krankenhaus. Es wird sofort ein CTG gemacht und festgestellt, dass die Herztöne des Kindes nur noch sehr schwach sind.  Meine Frau kommt sofort in den OP und unser Sohn wird per Notkaiserschnitt zur Welt gebracht. Leider hat er keinen Herzschlag und keine Atmung mehr. Nach 5 Minuten Reanimation können sie ihn wieder zurückholen. Aber 5 Minuten ohne Sauerstoff sind lange.

Die Ärzte bereiten uns noch in der Nacht darauf vor, was für schlimme Folgen dieser Sauerstoffmangel haben könnte. Von einer Leseschwäche bis hin zum absoluten Pflegefall ist alles dabei. Aber so was möchte man natürlich nicht hören, wir sind sicher, dass er topfit ist und er keine Schäden genommen hat.

Der folgende Tag sieht eigentlich gut aus. Auch wenn der Anblick mit den ganzen Nadeln und Schläuchen an seinem Körper sehr schmerzhaft ist. Er wirkt sehr stabil, muss aber dennoch beatmet werden. Wir sind weiterhin optimistisch, dass alles so ist, wie es sein soll. Schließlich gibt es doch immer mal wieder kleine Wunder.

In dieser Nacht beginnt er aber zu krampfen und seine Beatmung muss umgestellt werden. Ein schlechtes Zeichen, offensichtlich hat der Sauerstoffmangel doch mehr Schaden angerichtet, als wir wahr haben wollten. Hilflos liegt unser kleiner Mann vor uns und wird durch die schnelle Beatmung der Maschine durchgerüttelt. Die Ärzte machen einen Hirnultraschall und stellen fest, dass sein Gehirn voll mit Blut ist. Somit steht fest, dass unser Sohn auf jeden Fall ein absoluter Pflegefall sein wird.

Die Ärzte stellen uns vor eine Wahl, die sich wirklich keiner wünscht. Wir können die Therapie weiterführen oder an dieser Stelle abbrechen. Es ist keine leichte Entscheidung, er liegt vor uns und sieht doch eigentlich so gesund aus. Man sieht ihm echt nicht an, dass er so krank sein soll.

Wir sind eigentlich bereit, alles für ihn zu tun, in so einem Moment ist einem wirklich alles egal. Wir würden unser komplettes Leben auf jeden Fall für ihn umstellen.

Nach intensiven Gesprächen mit den behandelnden Ärzten entscheiden wir uns dennoch, ihm so ein Leben als Pflegefall, immer ans Bett gefesselt, zu ersparen.

Wir setzen uns neben sein Bettchen und  bekommen ihn ein letztes Mal auf den Arm. Die Ärzte entfernen alle Schläuche und Nadeln.

Zwanzig  Minuten kämpft er noch tapfer und schaut uns dabei sogar einmal an. Dann schläft er friedlich ein. Ich darf der Schwester helfen, ihn nochmals zu wickeln und anzuziehen…

Mittlerweile haben wir eine einjährige Tochter und sie ist unser ganzer Stolz.

Aber wenn ich heute mit dem Auto unterwegs bin und wieder so einen Vogel oder Schleicher vor mir habe und mich gerade wieder aufregen will, rufe ich mir immer wieder dieses Ereignis in Erinnerung und weiß, dass es doch schlimmeres gibt und es unnötig ist, sich über solche Kleinigkeiten aufzuregen.

Nicht immer läuft das Leben in den gewohnten Bahnen. Es macht daher keinen Sinn, seine Zeit für solche nichtigen Dinge zu verschwenden.


Tags:
  Weiterempfehlen Mail Facebook
2 Kommentare zu "Sind Kleinigkeiten es wirklich wert, sich aufzuregen?"
Stefanie Niederkofler schreibt am 18. Dezember 2012 um 18:50

Ein trauriger aber auch sehr schöner Blog-Beitrag! Geniesst die Zeit mir eurem kleinen Sonnenschein, der euch nach dieser trauigen Zeit geschenkt wurde!

Anja Knöschke schreibt am 19. Dezember 2012 um 08:49

Ein sehr trauriges Erlebnis. Und eine wahnsinnig tapfere Entscheidung von Euch! Es rührt einen zu Tränen aber macht mich auch nachdenklich. Ich bin ebenso ein Schimpfer und habe nie Zeit zu verlieren… Meine Tochter ermahnt mich schon immer…. „Mama.. ist doch egal“ Sie hat ja recht… Ich wünsche Euch alles Gute und eine glückliche Zeit mit eurer kleinen Maus.

Kommentar verfassen