Martin Lamprecht

„Bei den Planern gibt es noch große Defizite“

Verschiedene Unternehmen haben sich in den letzten Jahren mit hochwertigen Produkten im Markt für Passivhäuser engagiert. Wie fahren Sie damit? Wie sieht der Markt aus? Das Passivhaus-Magazin hat fünf Firmenvertreter zum Gespräch getroffen.

Gesprächsleitung: Reto Westermann

Sie alle engagieren sich mit innovativen Produkten auf dem Markt für Passivhäuser. Machen Sie das aus Überzeugung oder ist es auch finanziell interessant?

Stephan Isenegger (SI): Mit guten Produkten im Bereich Passivhaus können wir uns ein Stück weit vom restlichen Baumarkt abheben.

Stephan Isenegger

Beat Curau-Aepli (BC): Unser Engagement hat sicher auch einen wirtschaftlichen Aspekt. Wir alle haben aber ganz klar die Aufgabe unsere Welt nicht vor die Hunde gehen zu lassen und dafür setzen wir uns ein. Denn eines darf man nicht vergessen: Wir sind reich und können uns hohe Energiepreise leisten, anderswo hingegen ist das nicht so. Für Milliarden von Menschen ist die Verteuerung der Energie eine Katastrophe.

Rolf Hunkeler (RH): Das ist für mich eine Frage der grundsätzlichen Gesinnung und Lebenseinstellung. Vor gut 12 Jahren habe ich die erste Tagung des Passivhausinstituts besucht. Daraus ergab sich die Kooperation mit anderen Firmen. Im Jahr 2002 haben wir dann das erste Schweizer Holzmetall-Fenster mit Zertifikat des Passivhausinstituts auf den Markt gebracht.

Haben Ihre hochwertigen Produkte für Passivhäuser die Wahrnehmung ihrer Firmen verändert oder sie weiter gebracht?

Martin Lamprecht (ML): Uns hat es auf jeden Fall weiter gebracht. Gleichzeitig ist es ein Ansporn, unsere Produkte immer weiter zu entwickeln. Manchmal staunen wir selber, dass es uns gelingt immer noch höher gesteckte Ziele zu erreichen.

Martin Lamprecht

RH: Man hat uns auf dem Markt sicher als Spezialist für hoch wärmedämmende Fenster wahrgenommen. Das bereits erwähnte, vom Passivhaus zertifizierte Fenster «Optiwin» hatte aber durch den dreischichtigen Rahmen- und Flügelaufbau seinen Preis. Daher haben wir vor fünf Jahren das TOP-WIN Fenster entwickelt und auf den Markt gebracht. Es ermöglicht uns, die bezüglich U-Wert schwachen Rahmen und Flügel hinter die Dämmungsebene zu verlegen.

Trotzdem scheint es nicht immer leicht zu sein für ihre hochwertigen Fenster Abnehmer zu finden?

RH: Ich glaube, das Hauptproblem ist, dass die Planer die Bedeutung des Fensters, die geforderten Funktionen als wichtiger Bestandteil der Fassade verkennen und der bauphysikalische Hintergrund fehlt. Ein Fenster ist ein komplexes Bauteil, das richtig in die Fassade integriert werden muss. Allzu oft ist aber leider nur der Kaufpreis das entscheidende Kriterium. Zum Glück für uns gibt es aber auch Investoren und Bauherren, die die hohe Qualität und die technischen Möglichkeiten des TOP-WIN Fensters zu schätzen wissen.

Reinhard Weiss (RW): Bei uns sieht es mit den Ansprüchen gerade umgekehrt aus. Als Pioniere wird von uns erwartet, dass wir in unserem Segment immer die Technologieführer sind.

Wie gehen Sie damit um?

RW: Wir konzentrieren uns heute deshalb statt auf Ein- vor allem auf Mehrfamilienhäuser im städtischen Bereich, wo wir viel höhere CO2-Einsparungen erreichen können. Bei den Mehrfamilienhäusern setzen unsere Geräte neue Massstäbe, brauchen sie doch nur noch halb so viel Strom wie diejenigen der Konkurrenz.

Der Druck immer höher gesteckte Ziele zu erreichen kann ganz schön belastend sein?

BC: Man muss aufpassen, dass man nicht zu schnell rennt und stolpert. Zudem darf man sich nicht ausnutzen lassen und muss den Mut haben, Planern die einen immer nur rechnen lassen, aber nie einen Auftrag geben, auch mal eine Abfuhr zu erteilen.

Herr Hunkeler, Sie haben gesagt, dass oft nur der Preis zählt. In dieser Beziehung scheint sich der Baumarkt im Bereich Passivhaus nicht gross vom Rest zu unterscheiden?

RH: Nein, es läuft ziemlich gleich. Das hat unter anderem damit zu tun, dass auch bei Häusern nach den Standards Minergie P oder Passivhaus Bauteile ohne spezielle Zertifizierung eingesetzt werden dürfen, wenn man rechnerisch nachweisen kann, dass das Gebäude damit die gesetzten Verbrauchsziele erreicht. Dadurch stehen auch hier hochwertige, speziell für energiesparende Gebäude entwickelte Produkte in Konkurrenz zu allen anderen Produkten.

RW: Es braucht einfach Zeit, bis sich etwas ändert. Vermutlich sind wir in 40 bis 50 Jahren soweit, dass Passivhäuser der Normalfall sind. Damit wir vorankommen, braucht es vor allem eine Veränderung in der Ausbildung. Das Thema muss bereits in der Schule und später natürlich an den Hochschulen vermittelt werden. Eines haben wir aber bereits erreicht: Das Passivhaus ist heute Stand der Technik und hat sich etabliert.

RH: Das ist im Vorarlberg auch dank erheblichen staatlichen Subventionen sehr gut gelungen. Bei uns in der Schweiz haben wir da noch ein grosses Stück Arbeit vor uns.

ML: Ich beobachte bei uns in Deutschland zwei Lager. Es gibt Architekten und grosse Wohnbaugesellschaften, die bauen aus Überzeugung nur noch Passivhäuser. Auf der anderen Seite gibt es grosse Bauträger und Investoren, denen es beim Bauen nur um Rendite geht. Energetisch machen die nur, was wirklich nötig ist.

Schnittstellen sind auf dem Bau heikel. Bei Passivhäusern kommt ihnen eine noch grössere Bedeutung zu. Funktioniert die Zusammenarbeit auf Passivhaus-Baustellen genügend gut um dem gerecht zu werden?

SI: Ich bin viel auf Baustellen und sehe, dass die Kommunikation unter den Handwerkern und Planern bei Passivhäusern in der Regel wesentlich besser funktioniert als sonst. Die schauen aufeinander und kontrollieren sich gegenseitig. Da muss ich den Leuten von der IG Passivhaus ein Kompliment machen. Die haben etwas geschafft, was anderen noch nicht gelungen ist.

RW: Das deckt sich mit meinen Eindruck und ist in Österreich genauso. Wir haben vor mehr als zehn Jahren die dortige IG Passivhaus als Netzwerk gegründet. Ziel war und ist es die Weiterbildung zu fördern und dabei vor allem die Schnittstellen im Blick zu haben.

BC: Unser Netzwerk wagt sich auch an Altbausanierungen nach Passivhausstandard. Ein Bereich von dem normale Planer lieber die Finger lassen. Wir wussten lange nicht wieso. Unterdessen haben wir herausgefunden, dass sie Angst vor der Luftdichtigkeitsmessung haben. Anhand eines gebauten Beispiels konnten wir aber zeigen, dass die Luftdichtigkeitswerte problemlos erreicht werden.

RH: Die Luftdichtigkeit ist das eine, doch viel mehr Angst haben Bauherren und Planer vor dem Einbau einer Komfortlüftung, weil diese immer noch mit einer Klimaanlage gleichgesetzt wird.

Schauen wir etwas über den Tellerrand: Haben Ihre Produkte auch im Ausland Chancen?

ML: Auf internationaler Ebene spüren wir eine steigende Nachfrage im Bereich energiesparendes Bauen und insbesondere im Passivhausstandard. An unserem Produktstand an der Passivhauskonferenz in Hannover beispielsweise kamen 60 Prozent der Interessenten aus dem Ausland, vor allem aus den USA und Asien. Die sind total begeistert, wenn sie sehen wie energetisch hochwertig in Deutschland, Österreich und Schweiz gebaut wird. Wir haben festgestellt, dass man in den USA und Asien riesige Fortschritte macht und ohne Umwege direkt auf den Passivhausstandard zusteuert.

RW: Wir haben 2010 zusammen mit anderen Unternehmen das Österreich-Haus für die Olympiade in Kanada gebaut und damit eine Entwicklung losgetreten. Inzwischen gibt es in Whistler und Umgebung schon einige Passivhäuser, die von den Leuten gebaut wurden, die uns damals geholfen haben.

BC: Man muss nicht einmal ins Ausland schauen. Es ist nur schon interessant, welche Kreise das Thema hierzulande zieht. Derzeit entsteht beispielsweise im Raum Bern eine neue Regionalgruppe von Isofutura. Ein paar Planer dort haben sich für unsere Idee interessiert und wir helfen ihnen bei der Gründung. Das gleiche wäre auch international denkbar.

Herr Lamprecht und Herr Weiss haben vorhin darauf hingewiesen, dass sie ihre Produkte laufend weiter entwickeln müssen. Gleichzeitig hat Herr Hunkeler gezeigt, dass der Preiskampf im Baugewerbe für niedrige Margen sorgt. Das scheint eine Zwickmühle zu sein?

RW: Grosse Firmen in der Bauzulieferbranche, die auch Produkte ausserhalb des Passivhaus-Bereiches anbieten, verfügen oft über eine Cashcow, die Geld für neue Entwicklungen in die Kasse spült. Unser Markt hingegen ist sehr klein. Der Kunde hat durch unsere Produkte zwar einen hohen Nutzen, muss dafür aber einen vergleichsweise hohen Preis bezahlen um unsere Kosten im Lot zu halten und eine Weiterentwicklung zu ermöglichen.

Bleiben wir noch bei der Lage auf dem Markt. Wo, ausser bei den Preisen, drückt der Schuh?

BC: Wir erleben beispielsweise immer wieder, dass Konkurrenten von uns Kunden vom Einbau einer Lüftung abraten. So etwas ist wirklich schlecht für die Branche. Das Ziel muss es sein, dass Firmen, die von einem Bereich keine Ahnung haben, dies offen zugeben statt den Kunden etwas auszureden. Vor allem private Bauherren sind schnell verunsichert. Bei professionellen Investoren hoffe ich, dass es besser aussieht.

RH: Praktisch in allen Bereichen der Baubranche fehlen qualifizierte Fachleute auf allen Stufen. Diese wären aber dringend nötig, um die hohen qualitativen Anforderungen an energieoptimierte Bauten auch erfüllen zu können.

Blicken wir zum Schluss noch in die nähere Zukunft. Was wird Sie in den nächsten fünf Jahren beschäftigen?

ML: Wir sind überzeugt, dass sich der Passivhausstandard durchsetzen wird. Als Unternehmen entwickeln wir deshalb unsere Produkte weiter um noch weiter Wärmebrücken zu minimieren.

SI: Mit dem geplanten Atomausstieg wird das Dämmen in den nächsten Jahren noch wichtiger und bietet unseren Produkten eine gute Plattform.

BC: Die grösste Herausforderung auf dem Bau sind die Qualität der Mitarbeiter und die noch immer fehlende Qualitätssicherung. Grosses Gewicht wird aber auch die Öffentlichkeitsarbeit haben um beispielsweise das Vertrauen in Lüftungsanlagen zu steigern.

RH: In der Firma möchten wir unsere Produkte optimieren und wärmetechnisch weiterentwickeln. Ein Ziel ist es auch vermehrt gesamtheitliche Fassadenlösungen anbieten zu können.
In der IG Passivhaus wiederum möchten wir einen Beitrag zur Ausrichtung aller in diesem Sektor tätigen Vereine und Verbände leisten. Es geht in erster Priorität darum, die Ziele bezüglich Energieverbrauch und Ökologie zu erreichen.

RW: Wir fokussieren uns auch in Zukunft ganz auf Minimierung der Energieverluste. Das ist die einzige Chance, die wir in Mitteleuropa haben um die Energieautonomie zu erreichen. Das ist wichtig, weil ich davon ausgehe, dass wir schon am Ende dieses Jahrzehnts den Peak Oil massiv spüren. Dann werden wir eine solche Gesprächsrunde wie heute nicht mehr brauchen weil jeder weiss, was zu tun ist.

Die Gesprächsteilnehmer:

Beat Curau
Beat Curau-Aepli (53) gründete vor zwanzig Jahren die Dämmfirma Curau und vor zwei Jahren den Firmenverbund Isofutura. Dieser ist auf die Beratung und Ausführung von Sanierungsprojekten im Bereich Minergie und Minergie P spezialisiert.
www.curau.ch, www.isofutura.ch

Rolf Hunkeler
Rolf Hunkeler (56) ist diplomierter Holztechniker und führt in fünfter Generation das Familienunternehmen 1a hunkeler in Ebikon. Das Fenster- und Holzbauunternehmen hat sich auf Fenster für den Passivhausbereich spezialisiert. Rolf Hunkeler ist Vorstandsmitglied der IG Passivhaus
www.1a-hunkeler.ch

Stephan Isenegger
Stefan Isenegger (54) kommt als Bauführer von der Unternehmerseite und hat ein Nachdiplomstudium in Bauphysik und Akustik absolviert. Er arbeitet für die Schweizer Filiale von Schöck in Aarau im Bereich Beratung von Planern.
www.schoeck-schweiz.ch

Martin Lamprecht
Martin Lamprecht (48) ist diplomierter Ingenieur und Leiter des Bereichs Strategische Projekte/Passivhaus bei der Firma Schöck in Baden-Baden (D). Das Unternehmen entwickelt und produziert spezielle bewehrungstechnische -und bauphysikalische Produktlösungen.
www.schoeck.com

Reinhard Weiss
Reinhard Weiss (55) hat Maschinenbau und Betriebswirtschaft studiert. Er ist Mitbegründer und Geschäftsführer von Drexel und Weiss in Wolfurt (A). Das Unternehmen hat sich auf energieeffiziente Haustechniksysteme spezialisiert.
www.drexel-weiss.com


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