Marcel Bégoc

La Marmotte: ein Jedermann-Rennen über den Galibier nach Alpe d’Huez

Als Kind waren Robic, Coppi, Bobet, Anquetil, Altig meine Helden. Es ist ein „Kindheitstraum“ einmal auf deren Spuren, auf der Route der Tour de France, mitzumachen. Das war meine Motivation, dieses Jahr an dem Radmarathon La Marmotte teilzunehmen. Die Strecke von 174 km mit 5.000 Höhenmetern, führt von Bourg d’Oisans über den Col du Glandon, Col du Télégraphe, Col du Galibier zur Ankunft in l’Alpe d’Huez. Vom Veranstalter wird es als eines der schwersten Jedermann-Rennen in Europa angegeben.

Der Winter war dieses Jahr besonders lang und kalt. Berufsbedingt habe ich auf einen Mallorca Traingsurlaub verzichtet, dem entsprechend war mein Trainingsstand nicht besonders toll. Aber was soll’s, am Maratona dles Dolomites habe ich auch ohne Sondertraining teilgenommen. Also ging es so oft wie möglich in den Schwarwald, Kaltenbronner Wand usw. Im Juni lese ich im Tour Magazin einen Artikel über das Rennen. Jetzt wird es mir klar, auf was ich mich eingelassen habe und es wird mir schon mulmig. Aber angemeldet bin ich und es gibt jetzt kein Zurück. Schnell noch ein Paar Trainingsfahrten, und ab nach Alpe d’Huez.

Zwei Tage vor dem Rennen mache ich eine ruhige Fahrt über den Col de Sarenne nach Bourg d’Oisans und fahre den Anstieg nach Alpe d’Huez in 1 Stunde 20 Minuten, ganz locker fahre ich lächelnd an den Fotographen vorbei. Danach hole ich meine Startnummer. Es geht ganz locker zu, niemand drängt. Die Atmosphäre ist toll, aber man merkt schon eine gewisse Anspannung. Mit Respekt wird über das, was uns morgen erwartet, gesprochen, Wörter wie Herausforderung, schwer, Hitze, 11% und mehr, gefährliche Abfahrt, sind zu hören. Zurück im Hotel schaue ich mir die Strecke nochmal an. Ein Tag vor dem Start schaut sie auf einmal bedrohlicher aus. Ich sage mir „mache dich nicht verrückt“ und gehe zum meinem vélo, checke alles von vorne, Reifen, Bremsen, Schaltung; OK alles ist perfekt, an der Technik sollte es nicht liegen. Dass ich das Hotel in Alpe d’Huez gewählt habe, bringt eine zusätzliche Motivation mit sich; einmal los gefahren weiß ich, dass ich unbedingt wieder nach oben zum Hotel fahren muss.

Samstag 03 Juli, der große Tag ist gekommen. Das Wetter ist perfekt, keine Wolke, 16°C. Das Frühstück ist französisch, Kaffee, Baguette und Croissant; alles frisch und das um 05:30, toll. Aber mir reicht es nicht. Deshalb habe ich Haferflocken mitgebracht, die mische ich mit einer zerdrückten Banane, das wird mir schon eine Weile Kraft geben. Nun geht es los zum Start. Meine Rückentaschen sind mit Gels und Getränkepulver voll bepackt. Ich lasse mich von Alpe d’Huez nach Bourg d’Oisans zum Start rollen und sehe schon die ersten Teilnehmer mit Reifenpannen. Unten angekommen esse ich eine Banane, irgendwo hatte ich gelesen, dass es sehr wichtig ist, sich vor dem Start noch einmal gut zu ernähren. Fast alle Europäischen Sprachen sind zu hören, tolles Ambiente. Man unterhält sich mit Spaniern, Italienern, Holländern, Belgiern, Engländern und dann setzt sich die Kolonne der 7.000 Teilnehmer langsam in Bewegung. In flottem Tempo, 35-40 Km/h, geht es nach Rochetaillée, zum Fuß des Col du Glandon. Bis zum Gipfel auf 1.924 m sind es 30 km mit 1.483 Höhenmetern. Bis Rivier d’Allemond geht es ruhig zu, mein Polar zeigt 160. Prima, es läuft wie ich es wollte „nur nicht zu schnell anfangen, schön langsam angehen lassen“. Dann kommt le Dèfilé de Maupas, jetzt fangen die ernsten Sachen an. Es kommt jetzt ein Anstieg mit 11%, gefolgt von einer Reihe von Serpentinen bis zum Stausee Grand Maison. Der Anblick ist wunderschön, der See schimmert Blaugrün in der Morgensonne, Wilde Wasserfälle stürzen zum Tal, Schafserden wandern auf den Hängen. Romantisch; aber ich muss jetzt an meine Fahrt zum Gipfel denken. Unterwegs wird viel gesprochen, alte Hasen, die La Marmotte zum dritten Mal und mehr machen, geben einem Tipps „trinke viel, esse bei jeder Verpflegungs-Station, rechtzeitig Pipi machen, und vieles mehr“.

Zum Col du Glandon

Zum Col du Glandon

Der erste Gipfel ist erreicht, bei den Wasserhähnen geht es chaotisch zu, es wird gedrängt. Wer sich noch mit Käse- oder Wurstbrot verstärken will, muss sich hin und wieder mit Ellebogen den Weg freimachen. Und jetzt geht es ab in das Tal der Maurienne. Die Abfahrt von Col du Glandon nach Saint-Etienne de Cuines ist schnell und technisch schwierig, an fast jeder Kurve ist ein Steckenposten platziert, er schwenkt eine gelbe Fahne und mahnt zur Vorsicht; dennoch bringen einen manchmal gewagte Überholmanöver in Schwitzen. Im Tal angekommen geht es 20 km leicht bergauf, es wird immer wärmer, die Luft ist heiß. Meine Trinkflachen sind nach 70 km zum zweiten Mal leer. Gott sei dank ist in Saint Michel de Maurienne eine Wasser-Station, von hier wird es jetzt fast 30 km immer bergauf zum Galibier gehen. Aber zuerst geht es in einer Rechtskurve zum Col du Télégraphe. Die ersten 3 km sind steil mit 9 bis 10%, man muss richtig in die Eisen steigen. Von ca. 710 m geht es 11 km auf 1.570 Meter Höhe, also knapp 860 Höhenmetern. Die Sonne brennt, es wird kaum gesprochen. Die ersten Teilnehmer schieben Ihre Räder oder erholen sich an den wenigen Schattenplätzen. Öfters sehe ich jetzt drei- und viertausender Startnummern 3.000, 4.000; das ist ein gutes Zeichen ich habe die Nummer 6718, also habe ich die Zeit gut gemacht. Endlich ist die Passhöhe erreicht, eine Flache muss ich nachfüllen. Die Vorbereitung mit dem Getränkepulver nimmt wertvolle Zeit in Anspruch, aber ich muss mich unbedingt gut mit Kohlenhydraten und Mineralstoffen wie Magnesium und Natrium versorgen. Sonst drohen die berüchtigten Muskelkrämpfe. Am Wasserhahn erfahre ich die Temperatur, bei 33°C haben wir uns nach oben gequält haben. Von hier geht es 5 km bergab nach Valloire, wo es eine Verpflegungs-Station gibt. Ich prüfe meine Flaschen und esse ein Käsebrot und ein Paar Madeleine (ein französisches Gebäck), die toll nach Zitronen schmecken und mache mich auf dem Weg zum ersten Höhepunkt dieses Rennen, den Col du Galibier.

Von hier wird es eine endlose Kletterpartie über 17 km zum 2.646 m hohen Galibier, zu überwinden sind 1246 Höhenmetern. Sofort nach Valloire wird es steil, dann etwas flacher aber die Freude ist von kurzer Dauer. Es wird ernst mit 7 und 8% geht es weiter. Ohne Erbarmen brennt die Sonne, die Strecke führt durch eine grandiose wilde Hochgebirgslandschaft, für welche man kaum Augen hat. Die Landschaft wird karger, in der Ferne glitzert der Schnee, dabei wird einem klar, wie viel Höhenmetern bezwungen werden müssen bis wir diesen Punkt erreichen. Oben rechts sieht man die Serpentinen, die uns bevorstehen. Auf dem Asphalt erscheinen zum ersten Mal die großen Namen „Lance“, „Leipheimer“, „Ulle“, „Zabel“. Der Tritt wird immer schwerer, die Gespräche sind verstummt, jeder denkt wahrscheinlich nur an sich und an das Erreichen der Passhöhe, langsam geht es weiter, ich bemühe mich die Trittfrequenz zu halten.

Autor kämpft am Galibier

Der Schnee schmilzt und Wasserbäche mit Geröll schießen über die Straße; aufpassen, man muss den größeren Brocken ausweichen. Ich überhole einige zweitausender Startnummern, werde aber auch von höheren Startnummern als meiner überholt; also dran bleiben, nicht übermütig werden. Die letzten zwei Kilometer sind mit jeweils 8 und 10% knall hart. Immer mehr Fahrräder werden per pedes zur Passhöhe geschoben. Endlich ist die Passhöhe erreicht, ein Blick nach unten auf die bewältigten Serpentinen verschafft einem Genugtuung und Zufriedenheit. Das kann man aber nur kurz genießen, hier bläst ein kalter Wird und es ist bewölkt, also schnell in die Windjacke schlüpfen. Und dann geht es sofort ran an die Wasserhähne und zur Verpflegungs-Station, wo ich mich für die lange Abfahrt und der bevorstehender Anstieg zur Alpe d’Huez mit Käsebrot, trockenen Aprikosen und Madeleine stärke.

Auf den letzten 7 km zur Galibier Passhöhe

Zuerst geht es steil zum Col du Lautaret nach unten: Weiter geht es rasant an den Abgrund entlang, ein kurzer Blick in die tiefen Schluchten sorgt für den notwendigen Nervenkitzel und dann wird die Straße breit, der Asphalt ist gut; mein Rad rollt und rollt. Ohne Mühe überhole ich mehrere Teilnehmer, ein schönes Gefühl. Dann kommt der erste von mehreren Tunnels, auch hier ist für Adrenalin-Schübe gesorgt; viele Tunnels sind kaum beleuchtet und ich trage meine Sonnenbrille; fast im Blindflug und bei flotten Tempo geht es durch. Schon ist man auf der leicht abfallenden Straße nach Bourg d’Oisans. Das bedeutet aber auch, dass nun der berühmt-berüchtigte Anstieg nach Alpe d’Huez ansteht.

Die berühmten 21 Serpentinen nach Alp d’Huez

Ich verlasse das Tal und mache mich daran, die durch die Tour de France berühmt gewordenen 21 Serpentinen bis zur Alpe d’Huez zu bezwingen. Die erste Rampe ist lang und sehr steil (10,6%), ich weis dass es bei den ersten 2 km immer 10% oder mehr sein werden. Jetzt schon stehen oder sitzen hunderte erschöpfte Teilnehmer am Straßenrand. Einige versuchen es weiter zu Fuß, aber dafür sind sie auch zu erschöpft, geben bald auf und setzen sich zu den anderen. Ich weiß, dass es nach La Garde einfacher wird, aber immerhin sind es noch 8%, also dran bleiben und weiter treten. Manche Teilnehmer liegen auf der Straße, sagen aber, dass sie keine Hilfe brauchen; ich fahre weiter. Belgische und Holländische Familiengruppe machen eine Generalprobe für die nächste Tour de France, die Aufmunterung ist großartig. Die Stimmung ist super, es hilft; kurzfristig komme ich wieder in den zweiteiligen Bereich, aber bald danach quäle ich mich zwischen 8 und 9 km/H wieder. Die Beine brennen, die Sonne auch immer noch. In Huez steht eine Dame am Straßenrand und schenkt mir eine Erdbeere; himmlisch, die beste Erdbeere die ich je zu essen bekommen habe. Jetzt sieht man schon Alpe d’Huez, Kehre Nr. 3, dann 2 und 1, fast ohne es wahrzunehmen bin ich oben. Ich fahre an den Shops, welche die berühmten T-Shirts „I have done it!“ verkaufen, vorbei. Kurz danach bin ich am Ziel, in 9 Stunden 57 habe ich es geschafft, die Technik (mein vélo) hat mich nicht im Stich gelassen. Es ist nur Freude, die Strapazen der letzten Stunden spielen keine Rolle mehr. Alle, die am Ziel ankommen sind, sind froh, es geschafft zu haben.

Zwei mythische Anstiege an einem Tag, Le Galibier und l’Alpe d’Huez. Das war super. Jetzt kann ich mich Kletterer nennen und nächstes Jahr werde ich wieder dabei sein.

Infos über La Marmotte:  www.sportcommuncation.com


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4 Kommentare zu "La Marmotte: ein Jedermann-Rennen über den Galibier nach Alpe d’Huez"
Ustra schreibt am 17. Juli 2010 um 17:12

Respekt, andere bereiten sich auf den Ruhestand vor, Marcel radelt mal kurzLe den Galibier und l’Alpe d’Huez hoch…

Matthieu Bégoc schreibt am 24. Juli 2010 um 22:45

Je dis juste chapeau, il en faut du courage et il faut surtout avoir la forme physique qui va avec (le mental je me fais pas de souci). Prendre des pentes de 10% faut le vouloir quand même.

Angelo Ruth schreibt am 28. Juli 2010 um 10:41

Schöner Bericht…
Mir brennen die Schenkel dabei und bin auch etwas neidisch :-).
lg
Angelo Ruth

Raine Weller schreibt am 2. August 2010 um 15:49

Marcel wenn man den Bericht liest, kann man richtig nachvollziehen, was du hier geleistest hast. Meinen Respekt.
Lg
Rainer

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